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Urban Knitting – Selbstgestricktes im Stadbild

Stricken hat immer was mit Klischees zu tun. Früher galt es als vorbildliche Freizeitbeschäftigung für brave Hausfrauen und liebe Großmütter. Später wurde die Strickerei politisch und von der Ökobewegung adoptiert, die es mit Blumen und Stricknadeln bewaffnet bis in den Bundestag schafften. Nun wird mit Urban Knitting ein weiteres Kapitel in der jahrtausende alte Strickkultur eingeläutet. Allerdings geht es nicht mehr darum, den Nachwuchs vernünftig einzukleiden, sondern öffentliche Plätze in Großstädten mit selbst gestrickten Sachen zu verschönern und somit gegen den nervenden Einheitskram anzustricken.

Ein Klischee hat dennoch überlebt, denn auch beim Urban Knitting sind es zumeist Frauen, die sich dem Ganzen verschrieben haben. „Strickende Anarchistinnen“ nennen sie sich selbst und hinterlassen an allen Ecken und Plätzen ihre Hinterlassenschaften. Über Nacht bekommen Straßenpoller, Treppengeländer, Telefonzellen oder Parkschilder ein selbst gestricktes Kleid verpasst, Statuen erhalten gestrickte Brüste oder lange Strümpfe. Es soll durchaus als eine zahme Form des Graffiti gesehen werden. Zahm, weil es nichts beschädigt, vergänglich ist und auch problemlos wieder entfernt werden kann. Die Idee dahinter kommt aus der gleichen Ecke, wie das Guerilla Gardening und hat den Sinn, die Stadt für die Menschen zurückzuerobern. Es soll Farbe in das Stadtbild bringen, den Menschen eine Freude bereiten und den Alltag der Bewohner verschönern. Das Prinzip scheint zuweilen aufzugehen. Bei mir in der Gegend steht seit letztem Winter ein alter Drahtesel, der langsam vor sich hinrostet. Quasi über Nacht bekam das vermoderte Vorderrad einen gestrickten Überzug im fröhlich quietschenden Neon-Grün mit der Aufschrift „Please Love Me“. Irgendwie nett.

Wenn man der taz glauben schenken möchte, stammt das Urban Knitting, was auch als Knit Graffiti oder Guerilla Knitting bekannt ist, aus Amerika. Magda Sayeg gilt als die Erfinderin des Strickbooms in den Großstädten. Mittlerweile sind Urban Knitter weltweit am werkeln und bestricken Plätze in Sidney, New York, London, Paris und Stockholm. Die Kunstwerke werden auf Fotos festgehalten und das ist meist das Einzige, was von der Aktion noch übrig bleibt. Denn im Gegensatz zu Graffiti können die Strickteile jederzeit entfernt werden. Einige überleben nur wenige Stunden, andere durchaus auch länger. Das grüne „Love Me“ Kleid über dem alten Drahtesel war am nächsten Morgen leider wieder weg.

 

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Written by PsyCreator

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